Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Jens Hurling

Antifaschistische Erinnerungskultur: Wie geht es weiter ohne Esther Bejarano?

Ein Kommentar von Jens Hurling und Cordula Oedingen

Am 10. Juli starb Esther Bejarano. Ihr Tod reißt eine Lücke. Nicht nur, dass ein geliebter Mensch verstorben ist. Sie fehlt als Teil unseres kollektiven, aktiven Gedächtnisses. Als laute, singende Stimme, die mahnt. Und der Tod von Esther Bejarano muss uns in Zeiten des aufblühenden Faschismus in ganz Europa eine Frage aufdrängen: Wo versagen wir demokratische Sozialist*innen derart, dass proto-faschistische Lügner heute wieder so eine große Anziehungskraft ausüben können? Wie kann rechtsradikales Gedankengut nach Auschwitz überhaupt noch die geringste Rolle spielen?

Möglicherweise haben wir es verpasst, uns die Geschichte kritisch genug anzueignen. Klar, es gibt Erinnerungszeremonien. Es gibt Gedenkorte. Der Holocaust wird im Unterricht behandelt. Er wird rezipiert in Museen, von Geschichtsvereinen und vielen Ehrenamtlichen. Das ist gut, wichtig und richtig. Das gilt es auch fortzuführen und zu würdigen. Aber lasst uns über folgende These nachdenken: Trotz all dem bleibt Gedenken und Erinnerung oft zu oberflächlich, dient eher der Selbstvergewisserung. Wir Gedenken, also sind wir gut. Und damit sei die Pflicht zur Erinnerung getan. Aber eine kritische Aneignung der Geschichte ist anders, fragt nach den Wurzeln des Faschismus, die wir mit aller Konsequenz ausreißen müssen. Esther wusste das und forderte:

“Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.”

Um in Bezug auf den Faschismus etwas vorhersehen zu können, ist es notwendig, eine Definition zu haben: Was ist Faschismus? Was ist seine Basis, seine Form und seine Merkmale? Wie entwickelt er sich? Und es ist ja schließlich nicht so, dass niemand diese Gedanken hat. Oder dass sich niemand damit auseinandersetzt. Aber im Gegensatz zu ritualisierten, wiederkehrenden, gut gemeinten Ich-erinnere-also-bin-ich-gut-Gedenken findet diese kritische Aneignung des Themas nicht regelmäßig statt, nicht alltäglich und schon gar nicht in Schulen. Die Theorie des autoritären Charakters ist kaum außerhalb des philosophisch-soziologischen Elfenbeinturms bekannt. Der sogenannte „Extremismus der Mitte“ ist selbst unter Politikwissenschaftlicher*innen kaum bekannt. Faschismustheorie ist ein Nischenthema - und gehört doch eigentlich dringend auf die Stundenpläne. 

 

Der Kampf wird ohne Zeitzeug*innen schwerer

Erinnern nach Esther ist so unglaublich wichtig. Und vor allem wird der Kampf um die Erinnerung härter. Denn immer wenn kritische Stimmen verblassen, entsteht ein Freiraum. Den müssen wir umso lauter füllen, sonst füllt ihn der Faschismus, der bereits an Türe der Gesellschaft hämmert und seinen Arm im Parlement hat. Liebe Freund*innen und Genoss*innen: Lasst uns radikal - also an der Wurzel - erinnern. Clara Zetkin mahnte es an:

“[...] [D]er Faschismus, [...] [ist] ein Ausfluss der Zerrüttung und des Zerfalls der kapitalistischen Wirtschaft [...]. Nur wenn wir verstehen, dass der Faschismus eine zündende, mitreißende Wirkung auf breite soziale Massen ausübt, die die frühere Existenzsicherheit und damit häufig den Glauben an die Ordnung von heute schon verloren haben, werden wir ihn bekämpfen können. [Der Faschismus] wurde ein Asyl für politisch Obdachlose, für sozial Entwurzelte, für Existenzlose und Enttäuschte. [...] Wir müssen jedem einzelnen Proletarier die Überzeugung einhämmern: Auf mich kommt es auch an. Ohne mich geht es nicht. Ich muß dabei sein. [...] Jeder einzelne Proletarier muß fühlen, daß er mehr ist als ein Lohnsklave, mit dem die Wolken und Winde des Kapitalismus der herrschenden Gewalten spielen.” - Clara Zetkin: Kampf gegen Faschismus (1923)