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Jens Hurling

Wir müssen vom schönen Leben erzählen, wenn wir eine Zukunft haben wollen.

Ein Meinungsbeitrag vom Kreissprecher Links der Weser

Der gesamten Partei steckt das Wahlergebnis in den Knochen. Genoss:innen in Bremen haben teils bis zur Erschöpfung gekämpft. Das ist frustrierend. Doch die bundesweit weit über 1.700 neuen Mitglieder, die seit der Wahlnacht beigetreten sind, lassen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Ein langer, kontinuirlicher Prozess muss abstecken, was in diesem Wahlkampf nicht gut lief, organisatorisch und inhaltich. Es ist ein Blumstrauß an Faktoren und es gibt viele Baustellen, an denen wir gemeinsam mit diesen neuen Mitgliedern arbeiten müssen. Ich glaube aber, es gibt zwei Säulen, die wir in Zukunft bauen müssen, sonst hat die beste Wahlkampforganisation keine Chance. Denn eine stark geführter, toll geplanter Wahlkampf ohne die richtigen Kerne ist vor allem Ressourcenverschwendung.

 

Wir müssen den Traum und den Weg zum schönen Leben, zu einer solidarischen Gesellschaft erzählen

Aus der vielen Kritik, die DIE LINKE richtigerweise anbringt, muss eine gemeinsame Erzählung entstehen, eine Story. Diese Story muss eine andere, solidarische Gesellschaft glaubhaft und greifbar machen. Eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft demokratisch und kollektiv den Bedürfnissen der Menschen folgt, in der die Produktionsmittel unserem Planeten den nötigen Platz zum atmen geben. Wir müssen überlegen, wie wir das gemeinsam, geschlossen und positiv an die Menschen vermitteln. Denn machen wir uns nichts vor: Millionäre, die ihren verschwenderischen, klimaschädlichen Luxus auf dem Rücken tausender Lohnarbeitender verdienen, sind nicht beliebt. Großkonzerne sind nicht beliebt. Schlecht bezahlte, entfremdete Lohnarbeit ist nicht beliebt. Wir kämpfen keinen skurrilen Kampf gegen das Paradies, sondern hätten so viel Angriffsfläche. Deswegen kritisiert die Partei auch viel. Allein fehlt nach der Kritik das Angebot für eine bessere Welt. Dass viele unserer einzelnen Forderungen und Kritikpunkte einen breiten Anklang finden, reicht nicht. Wir, die einzige relevante kapitalismuskritische Partei, sind visionslos und unpopulär, gerade bei denen, die am meisten zu gewinnen hätten. Nämlich bei prekär Lebenden, denen unsere Gesellschaft zu gerne auch noch Eigenverschulden vorwirft.

Deswegen müssen wir eine nachvollziehbare Alternative zeigen, ohne historische Beissreflexe zu provozieren. Sagen wir nicht: "Es muss anders sein!" Und nicht nur: "Es ist schlecht." Sondern: "So machen wir's!" Und: "Schaut, da ist ein Weg!" Ja, die Beschreibung "Kapitalismus" verkürzt stark, in welcher Gesellschaft wir leben. Das können wir lang und breit debattieren. Wir brauchen diese Analyse. Aber wir können nicht nur Institut für linke Grundsatzdebatten mit angeschlossenem Wahlverein sein. So fühlt es sich für manche Wähler*innen an. Und ich kann das verstehen. Am Wahlstand sind Grundsatzdebatten über den Charakter der Lohnarbeit selten Thema. Stattdessen brauchen Menschen einen triftigen Grund, an unsere Vision einer besseren Zukunft zu glauben - oder diese Vision überhaupt erstmal kennen zu lernen.

 

Außerparlamentarische Praxis muss unsere DNA sein

Zusätzlich zur positiven, glaubhaften Skizze einer neuen Gesellschaft müssen wir auch zeigen, dass wir nicht eine weitere Nadelstreifen-Partei sind. Wir müssen aktiv sein am Fußballplatz, an der Suppenausgabe, in den Vereinen und Wohnungsloseninitiativen, Krankenhausbewegungen, AntiRa-Bewegungen, feministischen Kämpfen und Kulturvereinen, wir müssen Beratung anbieten, ungehörten Stimmen eine Plattform geben ohne sie zu instrumentalisieren, uns noch mehr praktisch kümmern, mehr zuhören. Und zwar nicht als Wahlkampf, sondern aus Liebe zum Menschen. Das Beispiel der KPÖ in Graz zeigt, was es mit Menschen macht, wenn man für sie da ist. Auch der Genosse Pellmann, der das Direktmandat in Sachsen errungen hat, hat eine Hilfs-Hotline angeboten. Das tun wir teilweise schon, es muss aber sichtbarer und mehr werden. Es ist völlig klar, dass das massive Ressourcen kostet. Andererseits: Diese Wahl muss erschrecken, aber auch motivieren. Denn im Grunde ist es eine gute Nachricht, voller Zuversicht sagen zu können: Es liegt an uns. Das Projekt einer demokratisch-sozialistischen Partei im 21. Jahrhundert ist richtiger und wichtiger denn je. Allein: Wir stehen uns gerne im Weg. Es liegt an uns und wir müssen jetzt aufbrechen. Bleibt die Partei, wie sie ist, ist sie bald nicht mehr.

Bild: Mika Baumeister, unsplash


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