Veranstaltung zur Verlängerung der Linie 1

Widerstand gegen die Ausbaupläne der Straßenbahn in Huchting wächst - Aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger gegen Millionenprojekt

Huchting, eigentlich ein beschaulicher Stadtteil
im Bremer Süden. Aber unter der Oberfläche
brodelt es. Die geplanten Verlängerungen der
Straßenbahnlinien 1 und 8 sorgen für immer
größere Unruhe in der Bevölkerung. Grund ge-
nug für die Parlamentarier der LINKEN, Inga
Nitz und Peter Erlanson, sich auf einer sehr gut
besuchten Podiumsdiskussion einmal vor Ort
nach dem Für und Wider der aufwändigen ver-
kehrspolitischen Maßnahmen, die inzwischen
ein geschätztes Kostenvolumen von 80 Millio-
nen Euro erreicht haben, zu informieren.

Die beiden Bürgerschaftsabgeordneten hatten
kompetente Gäste auf das Podium geladen:

Martin Danne und Rolf Berger von der Bürger-
initiative Huchting, Roland Kutzki (der eine von
vielen unterstützte öffentliche Petition gegen
die Straßenbahnausbaupläne an die Bürgerschaft
gerichtet hatte)  und Heiko Wenke vom Amt für
Straßen und Verkehr. 

Die Fronten waren schnell klar und die Gräben sind – nach jahrelangen Vorplanungen – in- zwischen tief: Während Heiko Wenke einsam die Position seines  Amtes, des grünen Bausenators und der BSAG vertreten musste, waren die Podiumsgäste und die Bürgerinnen und Bürger unisono gegen die geplanten Streckenführungen.

Ursprünglich wurden zwei Varianten begutachtet, zum einen die viel befahrene (und inzwischen sanierungsbedürftige) Kirchhuchtinger Landstraße, zum anderen die Nutzung und der Ausbau der sogenannten BTE-Trasse („Bremen-Thedinghauser-Eisenbahn“).  Letztendlich hat man sich für die BTE-Trasse entschieden, die zwar, wie auch das Amt einräumen musste, weiter entfernt von den potentiellen Fahrgästen verläuft, die aber wohl etwas kostengünstiger zu realisieren ist. Die Stimmung im Saal kochte schnell über und die Liste der Klagen und Einwände wurde immer länger:

Grundstücke werden erheblich beschnitten, die Stadtgemeinde muss ca. 5.500 Quadratmeter aufkaufen, erste verunsicherte Hausbesitzer haben bereits ihre Häuser verkauft, 900 Bäume müssen gefällt werden, darunter seltene und geschützte Exemplare, einige bis zu einhundert Jahre alt  und an einigen Wohnhäusern wird die Bahn künftig nur wenige Meter entfernt vorbeirauschen, der Lärmpegel in den Kurven und Verschwenkungen (das zeigen Erfahrungen aus anderen Stadtteilen) wird gewaltig sein, so lauteten einige der vorgebrachten Argumente. „Der lautstarke Bürgerprotest, der heute als ‚Stuttgart 21‘ Schlagzeilen macht, könnte demnächst auch als ‚Huchting 15‘  daherkommen,“ äußerten sich etliche der Betroffenen kämpferisch.   

Heiko Wenke rekapitulierte die Geschichte des umstrittenen Projekts: Die Planungen reichen bis in die späten 1990er Jahre zurück. Es gab einen Runden Tisch, zusammengesetzt aus Behördenvertretern und Betroffenen und das Verfahren, so Wenkes Fazit, werde zeitgerecht und ordnungsgemäß abgewickelt. Die Einhaltung von Normen und Gesetzen – dieser Eindruck drängte sich auf – steht für den Behördenmitarbeiter noch vor den Einwänden der Betroffenen. 240 Einsprüche liegen inzwischen vor, da musste auch Heiko Wenke beindruckt konstatieren, dass diese hohe Zahl bei derartigen Projekten ungewöhnlich sei. Er hält das gesamte Planungsprocedere jedoch – im Gegensatz zu den meisten Huchtingern - für ausgesprochen transparent und bürgerfreundlich.

Dazu steht im deutlichen Gegensatz, dass der Beirat, der das Projekt stets einstimmig abgelehnt  hat, sich von Senat und Bürgerschaft übergangen fühlt. Anwesende Vertreter von SPD und CDU äußerten sich unverhohlen kritisch und zeigten sich mit den Bürgerinteressen solidarisch. Noch deutlicher wurde Annette Yildirim, die Stellvertretende Ortsamtleiterin: „Diese Planungen sind einfach schwachsinnig.“

 „Wer will denn eigentlich diese Bahn? Rolf Berger von der BI Huchting brachte es – etwas sarkastisch vielleicht – auf den Punkt. „Mir sind drei Personen bekannt: Georg Drechsler, Vorstandsvorsitzender der BSAG, der grüne Umwelt- und Verkehrssenator Reinhard Loske und ein Bürger aus Grolland, der sich schon freut, dass er künftig das Huchtinger Hallenbad ohne Umsteigen erreichen kann.“  Vielleicht ein bisschen wenig für ein solches Millionenprojekt.

Inga Nitz und Peter Erlanson zeigten sich von den vielen Argumenten gegen die Baupläne beeindruckt. Sie hörten aufmerksam zu und stellten viele Fragen. Und sie wollen weitere Planungsdetails recherchieren. Und Anfang 2011 wollen sie wiederkommen, um diesen spannenden Dialog fortzusetzen. Und, ganz versöhnlich zum Schluss:  Etwas Mitleid mit dem einsam argumentierenden Behördenvertreter zeigten die beiden Bürgerschaftsabgeordneten und gaben ihm mit auf den Weg: „Die Ausführung von Beschlüssen gehört sicher in erster Linie zu den Aufgaben der Verwaltung. Aber gehört nicht die sachgerechte Beratung der politisch Verantwortlichen auch dazu?“

Dr. Dieter Fricke