28. Juli 2017

Reiten gegen den Krieg

Alljährliche Friedenstour auf Pferderücken dieses Jahr im Raum Bremen, Abschluss am Wochenende.
Es war ein ungewöhnliches und prächtiges Bild, als die sieben Reiterinnen und Reiter, begleitet von vielen Radlern, auf dem Bremer Marktplatz eintrafen. Zusammen mit Aktiven der Bremer Friedensinitiativen hielten sie dort am Donnerstag abend eine eindrucksvolle Kundgebung mit Plakaten, Transparenten, Pace-Fahnen, Reden, Musik und Straßentheater ab. Es sprachen Ute Radermacher von den »Friedensreitern« und Barbara Heller vom Bremer Friedensforum. Eine Theatertruppe erzählte das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten weiter, Akteure waren auch die Kinder der Friedensreiter. Die Räuber, so die Fortsetzungsgeschichte, wären nämlich weiter am Leben. Sie wären Rüstungsunternehmer geworden, die Terror und Tod verbreiten. Die Stadtmusikanten forderten das Publikum auf, damit Schluss zu machen: »Etwas besseres als die Arbeit für den Tod finden wir überall!«

Die Tour auf Pferderücken unter dem Motto »Stoppt das Geschäft mit dem Tod! Nehmt den Kriegen die Waffen«, hat am 21. Juli begonnen und endet an diesem Wochenende in Worpswede, dem rund 30 Kilometer nordöstlich Bremens gelegenen Ort, der für die dort Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Künstlergruppe berühmt ist. Die Reiterinnen und Reiter aus der ganzen Bundesrepublik verbinden den Spaß am Wanderreiten und Radfahren mit politischem Engagement. Schon seit 1984 findet der »Friedensritt« jedes Jahr statt, mit wechselndem regionalen Schwerpunkt.

»Kriegseinsätze führen nicht zum Frieden! Sie bereiten nur den Boden für Terror, Tod und Zerstörung«, sagte Ute Radermacher in Bremen. Mit der Tour wolle man »die globalen Zusammenhänge von Kriegspolitik, Aufrüstung und Ausbeutung auf lokaler Ebene sichtbar machen«, gerade in Bremen, einem der größten deutschen Rüstungsstandorte.
lattenstramm.jetzt

Der erste Ritt führte vergangenen Samstag zur Hauptverwaltung der Friedrich-Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack, wo neben Megayachten für Superreiche Kriegsschiffe gebaut werden: Korvetten für die Bundesmarine und zuletzt mehrere Patrouillenboote, die nach Saudi-Arabien exportiert wurden. Ein Vertreter des Bremer Friedensforums prangerte bei der Kundgebung bei Lürssen die Genehmigung des 1,5-Milliarden-Euro-Großauftrags der Golfmonarchie durch die deutsche Regierung an, bei dem es um insgesamt mehr als 100 Schiffe geht. Saudi-Arabien sei Hauptakteur des blutigen Krieges im Jemen, dessen Folge eine Hungerkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes und eine Choleraepidemie seien.

Der Bunker »Valentin« im Stadtteil Farge war das nächste Ziel. Gerd Meyer von der »Internationalen Friedensschule« hatte eine Besichtigung organisiert. Die Nazis hatten in den letzten Kriegsjahren den Bunker von mehr als 10.000 Zwangsarbeitern errichten lassen. 4.000 von ihnen hatten dabei den Tod gefunden. Nach dem Krieg sprach in der Region lange Zeit kaum noch jemand über diese Opfer. Die Bundeswehr nutzte den Bunker als Depot und sperrte den Zugang. Erst nach 1983 gelang es Antifaschisten, den monströsen Betonklotz zu dem viel besuchten »Denkort« gegen Faschismus und Krieg zu machen, der er heute ist.

Von Dienstag bis Donnerstag nächtigten die Reiter mit ihren Zelten auf dem weitläufigen Gelände des Lidice-Hauses, einer bekannten Jugendbildungsstätte in Bremens Neustadt – unter widrigsten Witterungsbedingungen. Zum Abschluss der Tour ist am Samstag abend in Worpswede noch eine Veranstaltung mit dem Anwalt und Buchautor Heinrich Hannover geplant.
Sönke Hundt

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): junge Welt v. 28.07.1https://www.jungewelt.de/artikel/315333.reiten-gegen-den-krieg.html