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20. Juli 2010

Ohne Tafeln geht es nicht!

Jörn Hermening, stellv. Landessprecher

Vorbemerkung: Um den Artikel "Bereits die Existenz der Tafeln ist schon ein Skandal" vom 15. Juli ist eine rege Diskussion entstanden, da viele die überaus kritische Meinung des BEV zu den Tafeln nicht teilen. Deshalb hier eine engagierte "Für-Rede" von Jörn Hermening, stellv. Landessprecher der LINKEN Bremen. Die Diskussion um die Tafeln wird nicht nur in Bremen geführt. Siehe den Artikel von Peter Grottian auf Debatte. Es gibt auch schon einen Leserbrief zum Thema. (sh)


Ohne Tafeln geht es nicht!

Ohne Tafeln würden Menschen verhungern! Ist das übertrieben? Ich sage nein! Alle Bedürftigen, die zu den Tafeln gehen, leben unter der Armutsgrenze, sonst würden sie dort gar nichts bekommen. Manche leben auch weit darunter! Maximal 225 € bekommt ein Asylbewerber zum Leben im Monat, aber nur wenn er "Haushaltsvorstand"ist, andere Erwachsene 199 €, Kinder entsprechend weniger, 0 - 6 Jährige bekommen 133 €. Wie man damit leben oder zumindest seinen täglichen Mindestbedarf decken soll, ist nicht nachzuvollziehen. Dies ist noch erheblich weniger, als den Hartz IV-Empfängern zusteht. Auch für diese ist es schon fast unmöglich, mit Ihrem Regelsatz auszukommen.

Auch Menschen mit Vermögen begehren gegen diese schreiende Ungerechtigkeit auf! Aus dieser Gruppe kam auch die Initiative für die Tafeln in Deutschland. Sollte man dies verurteilen? Darf ein Mensch sich nicht für Gerechtigkeit einsetzen, nur weil er Geld hat? Darf man sich nicht ehrenamtlich engagieren, nur weil man Geld hat? Ich sage: Nein! Natürlich darf man das und es ist ausdrücklich zu begrüßen. Trotzdem kann man höhere Steuern für Besserverdienende und eine Vermögenssteuer fordern!

Nun arbeiten bei den Tafeln nicht größtenteils reiche Menschen ehrenamtlich. Viele helfen auch tatkräftig mit, weil sie es sich nicht leisten können, finanziell etwas für Andere zu tun. Sie können das Elend aber trotzdem nicht sehen und nehmen selbst etwas im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Hand. Ausdrücklich ist dies zu begrüßen, zu fördern und zu unterstützen.

Und Unternehmen? Sollen die verurteilt werden, wenn sie ihre Überschüsse an die Tafeln geben, statt sie in den Müll zu werfen? Natürlich nicht! Auch das ist zu begrüßen und zu unterstützen. Damit werden sie aber nicht davon befreit, sich für ihre übrige Tätigkeit kritisieren lassen zu müssen. Schlechte Bezahlung, schlechte Arbeitsverhältnisse etc. müssen trotzdem kritisiert werden.

Das schließt für uns Linke auch nicht aus, gegen die Zustände zu kämpfen, die solche Einrichtungen notwendig machen. Gegen die Zustände kämpfen, aber nicht gegen die Menschen die sich engagieren, von denen könnte sich manch einer noch eine Scheibe abschneiden!

In den Tafeln wird sehr viel ehrenamtlich gearbeitet, da kommt es noch öfter als in Betrieben, die nur mit bezahlten MitarbeiterInnen arbeiten, zu Konflikten. Jeder kennt das auch aus dem einen oder anderen ehrenamtlichen Verein. Missstände und schlechte Behandlung vom Menschen müssen aufgedeckt und diesen entgegengewirkt werden. Die Bremer Tafel ist da auf einem guten Weg, Skandalisierung hilft da wenig weiter, und dahinter ein System der Diskriminierung von Armen zu vermuten noch weniger! Dies ist eine Unterstellung, die alle Helfer und Initiatoren von Tafeln, Spender und Unternehmen in ein schlechtes Licht rückt, welches Sie nicht verdient haben!

Solange es die gesellschaftliche, politische und materielle Ungerechtigkeit gibt, wie wir sie heute haben, brauchen wir die Tafeln. Ich würde sagen: Danke - schön das es die Tafeln gibt, besser wäre es noch, wenn wir sie nicht mehr bräuchten, was in einem der reichsten Länder der Welt und einem Bundesland mit dem zweithöchsten Durchschnittseinkommen in Deutschland meiner Ansicht nach auch nicht schwer sein sollte!
Jörn Hermening