17. März 2017

Die Machtergreifung der NSDAP in Bremen - ein Diskussionsabend mit Dr. Heinz-Gerd Hofschen

im Saal vom Gemeindezentrum Zion

Heinz-Gerd Hofschen

Guido Möller, Moderation

Die Machtergreifung der Nazis in Bremen. Das war der Titel des zweiten Vortrags im Rahmen der vom Kreisverband LdW organisierten Fotoausstellung "Nie wieder Krieg?". Dr. Heinz-Gerd Hofschen ist ein in Bremen bekannter Historiker und war lange Abteilungsleiter für Stadtgeschichte im Bremer Fockemuseum. Er war also der Richtige, um über die immer noch offene Frage zu diskutieren: wie war es möglich, dass die Nationalsozialisten in Deutschland aber auch in Bremen die Macht erringen und so lange Jahre behalten konnten?

Der Saal im Gemeindezentrum Zion in der Kornstraße war gut gefüllt. Vor allem hatten mehrere der jüngeren Generation das Thema offenbar als interessant und geeignet erachtet, ihre eigenen Kenntnisse und Erkenntnisse zu erweitern. Doch davon später.

Hofschen sprach völlig frei, sehr lebendig, häufig nachdenklich, manchmal salopp, zuweilen drastisch. Er schöpfte aus einem reichen Fundus an Kenntnissen über den Faschismus, die Arbeiterbewegung in Deutschland mit Schwerpunkt Bremen. Es begann mit einigen recht ironischen Bemerkungen zu der immer noch gern in Bremen erzählten Legende ("Mythologie"), dass Bremen nie eine Nazi-Stadt gewesen sei. "Diese These ist einfach absurd," meinte Hofschen, "vor allem, wenn sie dann noch garniert wird mit solchen schönen Pseudoinformationen, wie Hitler sei nie in Bremen gewesen. Also das ist alles Unsinn. Hitler war schon 1932 während des damaligen Wahlkampfes im Stadion am Osterdeuch zu Massenversammlungen der Nazis, und er ist auch im Laufe seiner Regierungszeit mehrfach in Bremen gewesen."

Wie kamen die Nazis in Bremen an die Macht?

Hofschen erzählte die Geschichte anschaulich. Es hätte in Bremen einen Senat gegeben, der von den Sozialdemokraten und den beiden liberalen Parteien (DVP und DDP bzw. Deutsche Staatspartei) gebildet worden sei. Nach den Reichstagswahlen 1933 habe die NSDAP sofort eine große Demonstration gemacht und den Rücktritt der SPD-Senatoren Kaisen, Kleemann und Sommer verlangt. Eigentlich hätte die Demonstration auf dem Marktplatz wegen der Bannmeile um die Bürgerschaft gar nicht stattfinden dürfen, aber da der mit den Nazis sympathisierende Polizeipräsident Caspari, der sich schon bei der blutigen Niederschlagung der Bremer Rätebewegung einen berüchtigten Namen gemacht hatte und noch von der sozialdemokratischen Regierung zum Polizeichef gemacht worden war, sich verweigerte mit der Begründung, dass er nicht für seine Schutzpolizei garantieren könne, konnten die Nazis ungehindert demonstrieren. Der Bremer Senat habe in dieser schwierigen Lage schließlich kapituliert und beschlossen, die Fahne der Weimarer Republik (schwarz-rot-gold) niederzuholen und durch die Fahne des Kaiserreichs (schwarz-weiß-rot) zu ersetzen. Der Forderung der Nazis, gleich das Hakenkreuz zu hissen, sei man noch nicht gleich nachgekommen. Wilhelm Kaisen erklärte daraufhin mit den anderen SPD-Senatoren seinen Austritt aus dem Senat.

Eine neue Regierung sei wenig später von den verbliebenen Senatoren und dem von der Reichsregierung in Berlin eingesetzten Reichskommissar gebildet worden. Danach sei die Bürgerschaft aufgelöst und am 18. März 1933 ein neuer Senat aus sechs Nazis und drei Deutschnationalen gebildet worden. Neuwahlen zur Bremischen Bürgerschaft habe es nach Januar 1933 während der Nazi-Zeit nie wieder gegeben.

Wichtig zu erinnern: in den letzten Reichstagswahlen am 5. März 1933, also obwohl die Nazis schon an der Macht waren und der Terror schon begonnen hatte, erhielten in Bremen die NSDAP 32,6 Prozent und die Deutsch-Nationale-Volkspartei 14,5 Prozent der Stimmen. Sie blieben also, obwohl sie wenig später die Regierung bildeten, unter 50 Prozent und hatten somit keine Mehrheit. Obwohl ursprünglich wegen ihrer ökonomischen Interessenlage in Richtung Außenhandel keine Anhänger der NS-Bewegung, hätten sich das Bremer Bürgertum und die Kaufmannschaft sofort nach der Bildung des Nazi-dominierten Senats 1933 beeilt, ihre Gruß- und Ergebenheitsinteressen an die neuen Machthaber loszuwerden. "Bremen ist nicht von Anfang an eine Nazi-Stadt gewesen. Aber große Teile der herrschenden Klasse haben sich nach der Herstellung der entsprechenden politischen Fakten mehr als angebiedert."

Verfolgung der Arbeiterbewegung

Die Verfolgung der Arbeiterbewegung habe sofort nach der Machtübertragung begonnen. Der Polizeipräsident Theodor Laue habe schon 1933 das erste KZ mitten in Bremen (in den Misslerschen Auswandererhallen in der Admiralstraße) errichtet, wohin die führenden Funktionäre der Gewerkschaft, der KPD, SPD und der anderen linken Gruppierungen verbracht und wo sie misshandelt wurden.

Heinz-Gerd Hofschen referierte mit großer Detailfülle und -genauigkeit über die Reaktion der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte in Bremen auf die Machtübernahme bzw. -übertragung. Er entwickelte eine sehr differenzierte Analyse über die Gründe für den Erfolg der Nazis, über diese ganz spezielle faschistische Mischung aus Terror gegen die Arbeiterbewegung und den gleichzeitigen vielfältigen Integrationsbemühungen gegenüber der Bevölkerung zur Herstellung der "nationalen Volksgemeinschaft". Die ganze Nazi-Ideologie hätte nicht so erfolgreich sein können, wenn nicht gleichzeitig eine ganze Reihe von sozialpolitischen Maßnahmen mit sehr realen Verbesserungen der sozialen Lage (vom Rückgang der Arbeitslosigkeit, über den Wohnungsbau bis hin zu Programmen wie "Schönheit der Arbeit" und "Kraft durch Freude") eingeleitet worden wären.

Die Frage der Ideologie und des Antisemitismus

Man konnte gespannt sein, ob die anschließende Diskussion sich den gerade aktuell und gerade unter jüngeren Antideutschen, Antinationalen und ähnlich Denkenden eifrig diskutierten Fragen nach der Bedeutung der Ideologie zur Erklärung des Faschismus' zuwenden würde. Sie tat es. Es kamen sofort Fragen aus dem Publikum wie "Ist nicht in der Analyse der Antisemitismus in der Arbeiterschaft zu kurz gekommen?" Oder: "Ist nicht die antisemitische Grundhaltung in der deutschen Bevölkerung entscheidend für eine Erklärung des Nationalsozialismus?" Oder: "Es ist doch nicht nur das Großkapital schuld, es hat doch das ganze deutsche Volk mitgemacht."

Auf die Fragen gab Hofschen sehr differenzierte Antworten. Er ging auf die Massacker von Babi Jar bei Kiew ein, woran ein Bremer Polizeibatallon beteiligt war. Oder er verteidigte die organisierte Arbeiterbewegung gegen den neuerdings erhobenen Antisemitismus-Vorwurf. Klar, in der Arbeiterschaft habe es sicher wie in anderen Bevölkerungsteilen Antisemitismus gegeben. Schließlich sei die Mittäterschaft eines großen Teils der Bevölkerung eine traurige Tatsache. Zu früh vergessen worden sei der schlimme Satz von Thomas Mann aus dem Jahre 1945, als die Nazis am Ende waren: "Jetzt muss man eine Million Deutsche erschießen." Hofschen meinte, dass der große deutsche Schriftsteller wohl nicht ganz unrecht gehabt habe. Aber, so fügte Hofschen hinzu: "In Bremen sind schließlich und endlich nicht mehr als 15 Hauptschuldige an den Naziverbrechen verurteilt worden."

Auf der anderen Seite habe es viel Widerstand und Resistenz in der Bevölkerung gegeben. Mehr als 2000 Bremerinnen und Bremer seien von den Nazis verfolgt und diskriminiert, gequält, misshandelt und viele seien ermordet worden. Wegen ihrer Herkunft, ihrer politischen oder religiösen Überzeugung, wegen ihrer Behinderung oder weil sie regimekritische Äußerungen gemacht oder ausländische Rundfunksender gehört hatten. Der Referent zitierte als Beispiel aus den Akten der Gestapo von 1938, in der AG Weser wäre überhaupt kein Grund reinzukriegen. Man müsse einen Zaun drum ziehen und das Ganze zum KZ machen, um die Bolschewiken dort nieder zu halten.

Der große Vorteil an diesem Abend war, dass es weniger um allgemeine Theorien zur Erklärung des Faschismus bzw. Nationalsozialismus ging. Das verhinderte schon der ungeheure Fundus an Kenntnissen aus der Bremer Stadtgeschichte, aus dem Hofschen schöpfen konnte. Er ließ aber auch keinen Zweifel an seiner grundsätzlichen Überzeugung, dass niemand ohne eine Berücksichtigung der gesellschaftlichen und kapitalistischen Strukturen und Bedingungen zu einer Erklärung dieses düsteren Kapitels der deutschen Geschichte gelangen könne.
Sönke Hundt

Die nächste Veranstaltung in der Reihe "Nie wieder Krieg?":
Prof. Dr. Manfred Weißbecker: Gefolgschaft unterm Hakenkreuz - Die Massen im Dritten Reich

am Donnerstag, 23. März 2017, 19 Uhr im Gemeindezentrum Zion

Die Veranstaltungen werden organisiert bzw. unterstützt von der Zionsgemeinde Bremen, dem Kreisverband Links-der-Weser der LINKEN und dem Bremer Friedensforum