27. Januar 2017

"Seltsam vertraute Mauerstümpfe" - Besprechung der Fotoausstellung im Linkstreff von Frank Hethey (Weserkurier)

Seltsam vertraut erscheinen einem diese Bilder: Mauerstümpfe ragen in den Himmel – eine Trümmerlandschaft, so weit das Auge reicht. Doch was auf den ersten Blick aussieht wie aktuelle Eindrücke aus Aleppo sind in Wahrheit historische Motive aus der Bremer Neustadt. Unter dem Titel „Nie wieder Krieg? Zerstörungen der Neustadt im 2. Weltkrieg“ zeigt eine neue Fotoausstellung im Linkstreff am Buntentorsteinweg 109, welche Verheerungen der Bombenkrieg auf der linken Weserseite hinterlassen hat.

Teils wenig bekannte Aufnahmen dokumentieren das ganze Ausmaß der Verwüstungen. Da ist das ausgebrannte Technikum an der Langemarckstraße zu sehen, die heutige Hochschule. Oder ein Volltreffer in der Donaustraße. Schwer beschädigt wurden auch die drei Kirchen in der Neustadt. „Für uns ist das eine Metapher“, sagt Olaf Zimmer vom Ausstellungsteam. Ein Sinnbild für die Verstrickung der evangelischen Kirche in den NS-Staat und die fatalen Folgen. Damit rührt er einen wichtigen Punkt an: die Einordnung der Katastrophe, die Ursachenforschung auch im eigenen Stadtteil.

Veranstaltet wird die Ausstellung von der Zionsgemeinde, dem Linken-Kreisverband Links der Weser und dem Bremer Friedensforum. Einen speziellen Anlass hat es dafür nicht gegeben, wohl aber „mehrere Impulse“ aus der jüngsten Erinnerungsarbeit in der Neustadt, wie Kreisvorstandssprecher Wilfried Schartenberg sagt. Als Beispiele nennt er die neue Gedenktafel am Isenbergheim und die im Sommer eingeweihte Stele am früheren „Roten Haus“. Die Leitfrage der Initiatoren formuliert Schartenberg so: „Wie können wir Kriegsspuren in der Neustadt aufgreifen und politisch aufbereiten?“

Dass es nicht einfach nur darum gehen konnte, Kriegszerstörungen aus dem vertrauten Umfeld zu zeigen, lag für die Ausstellungsmacher auf der Hand. „Die Leute sollen sehen, dass der Krieg zurückgekommen ist“, sagt Zimmer. „Dass der Krieg bei uns begonnen hat, und die Neustadt als Hochburg der Bremer Rüstungsproduktion ihren Anteil hatte.“ Wobei für ihn klar ist, dass der Krieg nicht erst mit dem Kriegsausbruch seinen Anfang nahm. Sondern schon viel früher, schon bei der NS-Machtübernahme mit dem Krieg nach innen, mit der Verhaftung zahlloser Sozialdemokraten und Kommunisten.

Einen Bogen spannt Zimmer auch bis in die Gegenwart. Sein Vorwurf an die Adresse der Hochschule in der Neustadt: Durch die Öffnung für die Bundeswehr trage die Hochschule zur Militarisierung der Gesellschaft bei.  
Vier Monate lang haben die Ausstellungsmacher recherchiert. Hunderte von Fotos haben sie gesichtet, sich durch die einschlägige Literatur gewühlt, in langwierigen Debatten das Konzept abgestimmt. Da ging es auch schon mal kontrovers zu. Etwa bei der Frage, wie das Bildmaterial zu präsentieren und zu gewichten sei. „Ich hätte gern größere Motive gehabt“, sagt Kunststudentin Jasmin Bojahr, die für die Reproduktion der analogen Fotos verantwortlich war. Doch mit ihrer Idee konnte sie sich nicht durchsetzen, weil ihre Mitstreiter die Gefahr einer Ästhetisierung des Krieges sahen. Tatsächlich ist nicht zu leugnen, dass es auch in der Trümmerfotografie eine Bildsprache gibt. Neben reinen Schadensdokumentationen stehen arrangierte Bilder. Besonders beliebt: der Blick durch eine Fensterhöhle auf die Ruinenlandschaft. 

Auf 25 Schautafeln zeigt die Ausstellung mehrere Dutzend Aufnahmen hauptsächlich aus der Neustadt, mitunter aber auch aus anderen Stadtteilen. Eine Notlösung etwa bei der bildlichen Darstellung des Zwangsarbeitereinsatzes, für den keine Fotos aus der Neustadt aufzutreiben waren. Ergänzt werden die Aufnahmen durch erläuternde  Texte, teils auch zeitgenössische Quellen. Thematisch gliedert sich die Schau in acht Schwerpunktbereiche, darunter Zwangsarbeit im „Dritten Reich“, die zerstörten Weserbrücken und die Benennung der Langemarckstraße als Beispiel für den Heldenkult um die gleichnamige Schlacht im Ersten Weltkrieg.

Zu sehen ist die Ausstellung – der Eintritt ist frei – bis zum 28. Februar. Geöffnet ist montags und donnerstags ­jeweils von 15 bis 19 Uhr. Es gibt eine kostenlose Begleitbroschüre. Der emeritierte Professor Jörg Wollenberg wird zu einem noch nicht festgelegten Termin über Bremens Entwicklung zur Rüstungshochburg sprechen. Die Schau wandert anschließend in die Kirchengemeinde Neustadt  in der Kornstraße.

Vorstellung desBuchtstrassenchores. Mit Antikriegsliedern des Bremer Chores wurde am 20.1.2017 die Antikriegsausstellung eröffnet.

Quelle (mit freundlicher Genehmigung des Autors): Weserkurier v. 26.01.2017