24. Mai 2015

"Nicht der Antisemitismus nimmt zu - sondern die Sympathien für Israel nehmen ab"

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschaft

Christian Weber, Präsident der Bürgerschaft

Im Kreisverband Links-der-Weser ist im letzten Jahr mehrmals - im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg - über den Nahen Osten, über Israel/Palästina, den Antisemitismus hierzulande und die antideutschen Tendenzen im Landesverband der LINKEN diskutiert worden. Versprochen wurde seinerzeit vom Landesvorstand eine gründliche Debatte zu diesem Thema. Passiert ist bisher nichts, außer dass weiterhin hinter den Kulissen mit Ressentiments gearbeitet wird. Nun, nach den so erfolgreichen Wahlen, wäre es ja mal an der Zeit, dass man sich dieses heiklen Themas annimmt.

Als Anregung möge die wirklich ganz erstaunliche Rede dienen, die der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland (von 1993 bis 1999), Avi Primor, am 21. Mai 2015 im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft auf Einladung der Senatskanzlei und anlässlich des 50. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen über “Der israelisch-deutsche Dialog - heute, gestern, morgen” gehalten hat. Avi Primor wurde 1933 als Sohn eines niederländischen Einwanderers in Israel geboren. Vielleicht rührte daher seine unnachahmliche Art, mit großer Leichtigkeit und Freundlichkeit über die so schwierigen Beziehungen zwischen Juden, Israelis, Arabern, Palästinensern und den Deutschen zu reden. Immer anschaulich, immer lebendig und mit vielen Geschichten aus seiner Familie und aus seiner Tätigkeit als Diplomat der höchsten Ebene. Vor allem aber und überaus wohltuend: so völlig unpathetisch.

Christian Weber, der Präsident der Bürgerschaft als Gastgeber des Abends, klang da in seiner Begrüßung ganz anders, ganz wie der mit Schuld beladene und deswegen jetzt bedingungslos philosemitische Deutsche. Seine Stimme bebte vernehmbar, als er daran erinnerte, wie Angela Merkel 2008 vor der israelischen Knesset von der “deutschen Staatsraison” und von der “historischen Verantwortung” gesprochen habe, die “niemals verhandelbar” sein dürfe. Dass 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz auf deutschen Straßen wieder Parolen wie “Juden ins Gas” auftauchen würden, wäre eine Schande und unerträglich. Christian Weber zitierte mit großer Empörung aus “jüngeren Umfrageergebnissen”, wonach ein Fünftel bis ein Drittel der Deutschen antisemitisch eingestellt sei.

Sympathie der Deutschen für Israel - oder “Was heißt Antisemitismus”?

Das sah Avi Primor wohl etwas anders. Entweder hatte er andere Umfragen über die Meinungen der deutschen Bevölkerung über Israel gelesen oder er interpretierte sie anders. Es sei richtig, die Beziehungen zwischen den Ländern Israel und Deutschand seien gefährdet. Zwei Drittel der Deutschen hätten ihre Sympathie für Israel in den letzten Jahren verloren. “Aber warum haben sie sie verloren?”, fragte Primor. Seine Antwort: “Natürlich wegen der israelischen Politik, wegen der israelischen Politik in den besetzten Gebieten, gegenüber den Palästinensern, wegen der Besatzung, dem Siedlungsbau und allem, was man aus diesem Bereich hört.” Nicht nur bei den Deutschen seien die Sympathiewerte gesunken, auch bei den anderen Europäern und bei den Amerikanern.

Die Israelis würden heute tatsächlich am Pranger der öffentlichen Meinung stehen. Aber sie wären nicht die ersten. Die Franzosen hätten weltweit am Pranger gestanden wegen des Algerienkriegs, oder die Griechen wegen ihrer Obristendiktatur in den 70er Jahren oder die Amerikaner während des Vietnamkrieges. “Aber”, so Primor wörtlich, “das war kein Rassismus, kein anti-französischer oder anti-griechischer oder anti-amerikanischer Rassismus. Das war eine gezielte Kritik gegen eine bestimmte Politik. Und sobald diese Politik beendet war, es keinen Algerienkrieg, keine Militärdiktatur in Griechenland und keinen Vietnahmkrieg mehr gab, war natürlich auch die Kritik verschwunden. Weil das eine gezielte Kritik war. (…) Die Kritik gegen Israel heute ist nicht unbedingt, bei den meisten Kritikern jedenfalls nicht, eine Kritik gegen den Staat Israel, auch nicht eine Kritik gegen das Volk Israel. Es ist eine Kritik gegen eine bestimmte Politik, und die wird verschwinden, sobald diese Politik verschwindet.”

Einen ausführlicheren Bericht findet man auf www.nahost-forum-bremen.de inclusive einem Audio-Mitschnitt der Veranstaltung.
Sönke Hundt